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I Revital Herzog
Märchen- und Geschichtenerzählerin

zertifiziert durch den Verband der Erzählerinnen und Erzähler (VEE)

Reisetagebuch

☆  Revital Herzog   ★   Tel: D-07072-60653   ☆   revital-herzog@gmx.de  ★

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Revitals Weblog 2012

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Schreib's auf! Schreib's auf! Endlich hat Revital auch ein Webtagebuch (neu-deutsch Blog) im Netz und wird an dieser Stelle über Begegnungen berichten, die ganz persönlich sind und Geschichten erzählen, die sich auf ihren Reisen zutragen.
 

Freitag, den 06.01.2012: Bad Mergentheim

Wenn ich in die Hohenlohe fahre, bin ich immer glücklich. Hier begegne ich wieder den Leuten, die, als ich noch in Kleinansbach/Rot-am-See lebte, meine Nachbarn waren. Es sind immer besondere und herzliche Begegnungen.

Dieses Mal durfte ich einen Menschen besuchen, der mir mein schönstes Weihnachten schenkte: Willi Mönikheim. Willi war der Pfarrer von Gaggstadt, einem kleinen Dorf bei Rot-am-See mit einer wunderschönen Jugendstilkirche. Vor etwa zehn Jahren durfte ich in dieser Kirche zwei Auftritte geben. Heute lebt Willi mit seine Frau als Rentner in Bad-Mergentheim. Er erzählte, dass er damals nur in die Kirche gegangen ist, weil die Organistin so schön war, dass er sie bei jedem Gottesdienst anschauen wollte. Danach hat er sie geheiratet und ist Pfarrer geworden, obwohl er auch Bauer hätte sein können.

Und hier erzähle ich über mein schönstes Weihnachtserlebnis: Ich lebte damals noch mit meinem Mann und unserer 5-jährigen Tochter in dem kleinen Dorf Kleinansbach. In diesem Winter hat es besonderes viel geschneit. Wir gingen im tiefsten Schnee am Weihnachtsabend in die Kirche, um die besondere Aufführung des Krippenspiels in Gaggstadt zu erleben. Wir hatten gehört, dass es ein Erlebnis war und nun wollten wir auch einmal dabei sein.

Schon am Eingang, neben der Kirche, stand Willi Mönikheim mit einer arabischen Mütze auf dem Kopf und machte "Volkszählung." Jeder zahlte 5 Mark Eintritt und schrieb seinen Namen. Dann erklärte er, wir sollten alle draußen sein, frieren wie damals Maria und Josef und von einem Bauernhof zum anderen gehen - das waren die Stationen mit einem Seil umrahmt. Die Schauspieler waren Kinder jeden Alters, Jugendliche und Erwachsene. Der Text war auf hohenlohisch, sehr kraftvoll und humorvoll. Hat der Willi geschrieben.

Also, Maria und Josef, zwei junge Leute, gingen von ein Bauernhof zum anderen und baten um Unterkunft, aber immer erschien irgendwelche rundes Rotznasen-Gesicht aus dem Fenster und hat sie frech mit hohenlohischen Reimen fort gejagt. Und wir, das Publikum, wanderten weiter mit. Hinter der schönen Kirche auf die Wiese saßen Männer, die die Hirten spielten, neben ihnen grasten Schafe und das Lagerfeuer brannte. Zum Schluss kamen wir alle in die Scheune, wo ein echter Ochse und ein echter Esel standen. Da war eine richtige Krippe, nur das Jesuskind war eine Puppe.

Hier stand nun der Willi Mönikheim und verteilte zum Schluss Säckchen mit Weihnachtsgebäck und anderen Leckereien an alle Kinder. Dieses Erlebnis konnte ich nie vergessen. Die Weihnachtsbescherung und die Feier danach war die glücklichste, die ich je erlebt habe.

Nun darf ich die Mönikheims besuchen. Ich erzähle Willi wie ich damals dank ihm das schönste Weihnachtserlebnis hatte. Das erzähle ich ihm bei jedem unserer Treffen. Er schenkt mir sein neues Buch »Ochs und Esel, Hirt und Wirt«, in dem alle seine Geschichten und Texte rund um die Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben sind.

Wir gehen zusammen in das Kurhaus, wo ich den Erzählabend gebe. Wir erwarten keinen besonders großen Andrang, denn parallel finden in der Stadt noch viele weitere Veranstaltungen statt. Aber zu meiner Überraschung strömen die Leute nur so hinein, dass es immer voller wird. Die Presse hat den Abend sehr gut mit bunten Fotos angekündigt. Willi geht gerne weitere Stühle heranschleppen. Ich fühle mich wunderbar auf der Bühne. Obwohl ich zwei Monate Pause hatte, kommt die Kraft sofort wieder, wenn das Publikum da ist.

In der Pause spricht mich ein dunkelhäutiger Mann an, der im Publikum sitzt. Er ist ein junger schöner Ägypter namens Muhammed. Er lobt mich für mein Arabisch (die Paar Worte, die ich kenne…), die ich beim Erzählen benutzt habe. Sofort spüre ich die Verwandtschaft zwischen uns. Das ist immer so: Wenn ein sympathischer Araber mir hier begegnet, spüre ich immer, dass wir verwandt sind. Das muss ich auch auf der Bühne erzählen, weil es mich berührt, dass ein Araber zu meinem Auftritt kam. (Es passiert leider zu selten!)

Ein wunderbarer Abend ist zu Ende. Ein paar Leute aus dem Publikum sagen mir, sie wollen mich in andere Kurhäuser einladen. Gerne komme ich wieder in diese schöne Gegend. Am nächsten Morgen fahre ich direkt nach Kleinansbach. Ich besuche endlich meine liebste Biobäuerin, die meine beste Nachbarin damals war. Diese wunderbare und tapfere Frau schafft es trotz vieler Hindernisse und widriger Umstände ihren Bauernhof weiter als Bioland zu betreiben. Es ist ein sehr liebevolles und warmherziges Treffen zwischen uns. Beflügelt fahre ich wieder nach Hause.
 

Sonntag, den 01.01.2012: Jahreswechsel und Urlaub in Israel

Dieses Mal war es nicht mehr so sommerlich wie die letzten Jahren. Aber es war wenigstens keine Feuerkatastrophe oder ein Sandsturm wie letztes Jahr um diese Zeit.

Auch dieses Mal zog es mich wieder ans Meer. Obwohl der Himmel die ganze Zeit blau war, war die Luft zu kalt zum Schwimmen. Doch es waren genug Leute da (meist russische Immigranten), die im Meer geschwommen sind. Am Strand von Ashdod redet man Russisch.

Spürbar für mich war dieses Mal die angespannte Stimmung: Angst vor Atomkrieg mit Iran. Die lag überall in die Luft, auch wenn die Leute nicht gerne darüber gesprochen haben. Doch die Nachrichten waren voll damit.

Gleichzeitig merkte ich stärker als je zuvor, dass israelische Sänger gerne arabische Lieder singen. Und das auch im Fernsehen. Aber kein arabischer Sänger sang hebräische Lieder. Interessant war auch, dass gerade in diesen Tagen, wo ich in der Heimat war, der Präsident Moshe Katzav wegen Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung ins Gefängnis kam. Seine Anhänger haben große Aufstände dagegen gemacht, aber es hat nichts genutzt, er musste die Strafe antreten.

Und das interessanteste: Er sitzt gerade in dem Gefängnis, in dem noch heute Gefangene schmoren, für die er als Präsident damals keine Gnade hat walten lassen. Sie haben um Gnade von ihn gebeten, doch er hat niemanden begnadigt. Nun bekommt er diese "Groupies" als Knast-Kameraden. Da kann ich stolz auf die Regierung meiner Heimat sein, dass auch ein Präsident vor Gericht gebracht werden kann.

Einmal "durfte" ich das erleben, was meine Verwandte fast täglich erleben müssen. Gerade war ich zu Besuch bei meiner Mutter in Ashdod, als ein Raketenalarm war. Das Heulen der Sirene kenne ich noch von dem Jom-Kippur-Krieg. Es war schon damals schrecklich, es jeden Tag zu hören. Doch damals wusste ich, dass keine Rakete das Zentrum des Landes treffen wird, weil die Kriege damals nur an den Grenzen stattfanden. Dieses Mal flogen drei Raketen über die Stadt Ashdod. Zum Glück fielen sie nur irgendwo in die Pampa.

Aber eine Verwandte berichtete mir, dass sie einmal am Strand war, und gerade als sie ins Wasser gegangen ist, rauschte eine Rakete direkt ins Wasser. Alle Badenden mussten schnellstens raus aus dem Meer. Und dann ist die Rakete im Wasser explodiert und das Meer hat sich aufgebäumt. Also, das Gefühl war bedrohlich. Ich habe nicht gewusst, wie nah so ein Raketenangriff mich direkt "ins Herz" treffen kann, auch wenn nichts passiert ist. Einfach das Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber Gewalt, so was kann und will ich nie mehr in meinem täglichen Leben haben. Es hat mich sehr traurig gemacht, zu denken, dass meine ganze Verwandtschaft in dieser bedrohlicher Situation lebt und praktisch nichts daran ändern kann. Und vor Allem: Ich kann nichts tun um zu helfen.

Aber es gab auch ein herzwärmendes Ereignis. Es wurde über das Fernsehen vermittelt: Ein Gesangswettbewerb von Kindern, die in einer Musikschule lernen, in der alle Lehrer prominente Sänger sind. Das sind teilweise die Sänger, die ich schon als Jugendliche im Radio gehört und gemocht habe. (Z. B. Mati Kaspi oder Jehoram Gaon).

Im Fernsehen kamen Szenen aus der Schule: Sehr lebendig, humorvoll und vor Allem liebevoll. Die Kinder schafften es, sehr anspruchsvolle Melodien auf der Bühne zu singen. Auch wenn sie nicht perfekt gesungen haben, war die Kritik immer liebevoll und aufbauend. Und dann kam das Beste: Der Sieger war ein Junge aus einer einfachen marokkanischen Familie, aus der Wüstenstadt Dimona. Ein Sohn nach 5 Töchtern.

Er hat eine so klare, kraftvolle Stimme und eine wunderbare Ausstrahlung und obwohl er ein uraltes israelisches Lied namens "Barcelona" gesungen hat, das ich nie besonderes gemocht habe, war ich bezaubert: Er hat es geschafft, aus einem einfachen Lied ein Kunstwerk zu machen. Ich empfehle, sich den Jungen in Youtube anzuhören und ihn zu genießen.

Als Wettbewerbsbeitrag um die Aufnahme zur Schule zu erringen, sang er "Inta Omri", ein arabisches Lied. Sofort sagten die Lehrer: "Das ist ein Sänger!" Und zwei von ihnen stritten um ihn, wer sein Mentor werden dürfe. Nun hat er einen riesigen Saal und die ganze Nation erobert mit seiner Einfachheit und seiner wunderbaren Art zu singen, mit "Barcelona", einem Liebeslied zu der Stadt Barcelona. Hinter den Kulissen steht sein sehr aufgeregter Vater und vorne sitzen die vier Lehrer.

Hier ist der Link zu "Barcelona": Lied anhören. Unter Mishel Cohen finden Sie auf Youtube noch mehr Lieder von ihn.

Als ich diesen Gesang hörte, dachte ich zu mir: Wenn solche Kindersänger hier ihre Stimmen erheben, ist Gott mit Sicherheit berührt und wird nicht zulassen, dass etwas Schlimmes in meiner geliebten Heimat passiert.

Nur-Text-Ansicht »

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